Sie sind hier: BEZIRK KIRCHDORF » ST. PANKRAZ
Mittwoch, den 11. September 2019 13:00

Integrative Beschäftigung


v.l.: Tomescu Alin, Klient MiraVita Innviertel, LRin Birgit Gerstorfer, Ilse Achleitner, Biohof Achleitner, Petra Mair, MiraVita Innviertel und Johann Jöchtl, Bürgermeister Gemeinde Waldzell

Mehr Chancen für Menschen mit Beeinträchtigung auf dem Arbeitsmarkt

1.214 Menschen mit Beeinträchtigung sind im Jahr 2018 in Oberösterreich einer Beschäftigung in einem Betrieb nachgegangen (Integrierte Beschäftigung nach dem Chancengleichheitsgesetz). Das sind mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2017. „Durch die Integration von Menschen mit Beeinträchtigung am Arbeitsmarkt entstehen Vorteile für den Einzelnen und die Betriebe. Ich verfolge das strategische Ziel, den Anteil an integrativen Beschäftigungsformen in den oberösterreichischen Unternehmen deutlich zu erhöhen. Dafür ist eine enge Zusammenarbeit mit den Unternehmerinnen und Unternehmern notwendig“, betont Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer.

Für Menschen mit Beeinträchtigungen stehen ein größtmögliches Maß an Eigenständigkeit, Selbstbestimmung und Chancengleichheit im Mittelpunkt. Das Sozialressort forciert bereits seit Jahren die Integrative Beschäftigung, mit dem Ziel, dass Menschen mit Beeinträchtigungen mehr Selbstbestimmung erlangen können. Menschen mit Beeinträchtigungen wollen dort „arbeiten“ wo andere Menschen auch arbeiten.

Um das zu erreichen, arbeitet das Land OÖ mit Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen zusammen. Menschen mit Beeinträchtigungen, die nicht am ersten Arbeitsmarkt, also der freien Wirtschaft, Fuß fassen können, werden mit Unterstützung von Arbeitsbegeleiter/innen bzw. Betreuer/innen direkt in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes beschäftigt. Dabei erleben sie, dass sie selbst einen wichtigen Beitrag in der Wirtschaft leisten. „Es ist erfreulich, dass Unternehmen, die Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigen, sehr positive Erfahrungen machen. Sie geben an, dass sich das Betriebsklima positiv verändert. Gleichzeitig wird sichtbar, was Menschen mit Beeinträchtigungen leisten und somit für den Betrieb zur unverzichtbaren Arbeitskraft werden“, so Gerstorfer.

Das Land Oberösterreich bietet nach dem Oö. Chancengleichheitsgesetz zwei Maßnahmen für Integrative Beschäftigung an:

  • Fähigkeitsorientierte Aktivität integrativ
  • Geschützte Arbeit integrativ als Arbeitsbegleitung

Integrative Beschäftigung bzw. Arbeitsbegleitung ist das Tätig-Werden von Menschen mit körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen und Menschen mit Lernschwierigkeiten außerhalb der Einrichtungen in Betrieben.

Dies kann stundenweise bis zu 38 Wochenstunden einzeln oder in Gruppen erfolgen. Die Menschen mit Beeinträchtigungen werden dabei von Sozialorganisationen begleitet. Alle Träger – wie zum Beispiel die Diakonie, Lebenshilfe, Mira Vita, Pro mente, Caritas etc. - bieten bereits diese Form der Beschäftigung an.

Die Tätigkeiten sind vielfältig:
- Hilfstätigkeiten in der Tischlerei, Gärtnerei, Landwirtschaft
- Verpacken
- Regalbetreuung
- Reinigungsdienste
- Küchenhilfstätigkeiten, Catering
- Betreiben eines Buffets
- Lagerarbeiten etc.

Vorteile für die Beschäftigungsnehmer
Für Menschen mit Beeinträchtigungen bietet die Integrative Beschäftigung die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen und ihre persönlichen Interessen und Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen. Sehr wertvoll für Menschen mit Beeinträchtigungen ist die Tatsache, dass sie an Orten arbeiten können, wo auch Menschen ohne Beeinträchtigung arbeiten.

„In unserer Gesellschaft definiert sich der Selbstwert stark über die eigene Arbeitsleistung. Oft ermöglicht erst die Teilhabe am Arbeitsleben die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Chance, dieses mitzugestalten. Besonders für Menschen mit Beeinträchtigung sind fähigkeitsorientierte Tätigkeiten wichtig, in denen sie aktiv Arbeit leisten, ihren Tag sinnvoll strukturieren und gesellschaftliche Anerkennung finden können“, betont Landesrätin Gerstorfer.
Vorteile der Integrativen Beschäftigung für Unternehmen:
Menschen mit Beeinträchtigungen machen die Belegschaft im Unternehmen vielfältiger und verbessern die soziale Kompetenz der Mitarbeiter/innen im Unternehmen. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien bestätigt, dass sich die Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigung positiv auf das Betriebsklima auswirkt, etwa durch verbessertes Gemeinschaftsgefühl und höhere Loyalität zum Unternehmen. Konkret zeigt sich dies auch in geringerer Fluktuation und höherer Mitarbeiterzufriedenheit.

Das Unternehmen zahlt nicht den normalen Kollektivvertragslohn sondern honoriert die geleistete Arbeit. Vor allem ist entscheidend, dass diese Personen eine Arbeitsbegleitung/Betreuung haben, die wir über das Land entsprechend finanzieren. Denn durch diese Arbeitsbegleitung/Betreuung ergibt sich zum einen, dass sich Menschen mit Beeinträchtigungen leichter tun, sich in den Arbeitsprozess zu integrieren. Zum anderen gibt es für die Unternehmen die Sicherheit, eine Ansprechperson zu haben, mit der man die anstehenden Fragen besprechen kann. Sie können zudem sicher sein, dass sich die Beschäftigten in ihrer Arbeit auch wirklich gut zurechtfinden können und das Arbeitsergebnis hundertprozentig passt.

Statement Ilse Achleiter, Biohof Achleitner
„Meine Erfahrungen mit Integrativer Beschäftigung sind bei weitem positiver als erwartet. Für gelungene Integrative Beschäftigung ist die Begleitung durch fachkundige Betreuungspersonen genauso wichtig wie das Bemühen der eigenen Führungskräfte um Analyse der Arbeitsprozesse und Herstellung des nötigen Arbeitsumfelds. Ein Vorteil für das Unternehmen ist, dass sich die Fachkräfte ihren Kompetenzschwerpunkten intensiver widmen können. „Bandl-Arbeiten“, die viel Zeit, Routine und Wiederholung erfordern, werden den Fachkräften abgenommen. Integrierte Beschäftigung wirkt sich zusätzlich sehr positiv auf das Betriebsklima aus. Beeinträchtigte Menschen sind mit ihrer geradlinigen Art jeden Tag ein Sonnenstrahl in den Arbeitsalltag! Ich kann diese Form der Beschäftigung auf jeden Fall weiterempfehlen.“

Statement Bürgermeister Jöchtl, Waldzell (MiraVita)
„Eine neue Form des Zusammenlebens musste gefunden werden, um einerseits Menschen mit Handicap besser zu integrieren, und anderseits für die Bevölkerung sichtbar zu machen, dass diese Menschen einen wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten. Die Integrative Beschäftigung ist eine Form gelebter Integration. Hier kann man eine Win-Win Situation herbeiführen. Als Bürgermeister sehe ich es als meine Pflicht, die beiden Partner, Arbeitgeber und in eingeschränkter Form Arbeitnehmer miteinander zu verbinden. Bei uns in Waldzell ist dies hervorragend gelungen. Der Verein MiraVita hat 48 Klient/innen, die in irgendeiner Form beschäftigt werden müssen, um einen geregelten Tagesablauf zu haben, und um ihnen zu zeigen, dass auch sie in der Gesellschaft etwas wert sind. In den Tagesheimstätten werden Gruppen je nach Arbeitsneigung geführt. Kochen, Waschen, Holzwerkstätte, Auftragsarbeiten von Metallfirmen, Gartengruppe, Kreativgruppe und eine eigene Mediengruppe. Seit wir hier die Fähigkeiten dieser Menschen erkannt haben, wird versucht, diese Menschen auch außerhalb der Einrichtung MiraVita arbeiten zu lassen. So werden viele Gartenarbeiten, Friedhofspflege, Kindergartenbusbegleitung, Tischwäsche waschen für einige Gasthäuser und Neue Mittelschule, Regalbetreuung bei einem Lebensmittelmarkt, Papier- und Kartonentsorgung für einige Firmen durch Klient/innen mit Betreuer/innen durchgeführt. Dies führte schon nach ganz kurzer Zeit zur gelebten Integration, der Verein MiraVita und seine Klient/innen sind ein fixer Bestandteil unseres Gemeindelebens und nicht mehr wegzudenken. Man braucht zur Zusammenarbeit nur Mut, Kreativität und das Verständnis, dass Menschen mit Handicap vieles, aber nicht alles leisten können.“

 

Bild (Land OÖ/Denise Stinglmayr): v.l.: Tomescu Alin, Klient MiraVita Innviertel, LRin Birgit Gerstorfer, Ilse Achleitner, Biohof Achleitner, Petra Mair, MiraVita Innviertel und Johann Jöchtl, Bürgermeister Gemeinde Waldzell