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Freitag, den 14. Februar 2020 07:00

Kein Täter werden!


Frauenstadträtin Mag. Eva Schobesberger (3. v.l.) initiierte ein Pilotprojekt zum Gewaltschutz im Familienzentrum Pichling.

Linzer Pilotprojekt zur Gewaltprävention

Mit einem Pilotprojekt wird in der Stadt Linz eine neue Offensive gegen häusliche Gewalt gestartet. „Männergewalt ist in unserer Gesellschaft ein großes Problem. Mindestens jede fünfte Frau ist in Österreich von häuslicher Gewalt betroffen. Wir wissen, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist. Drohende häusliche Gewalt versetzt tausende Frauen täglich in Angst. Das können wir als Gesellschaft nicht hinnehmen! Neben einer engagierten Frauenpolitik bedarf es dringend mehr opferschutzzentrierter Täterarbeit und Gewaltprävention von Anfang an. Deshalb bin ich sehr froh, dass es uns gelungen ist, im Doppelbudget 2020/2021 erstmals Mittel zu dotieren um ein eigenes Pilotprojekt zum Gewaltschutz mit den erfahrenen MitarbeiterInnen des Familienzentrums Pichling zu starten“, sagt Frauenstadträtin Mag.a Eva Schobesberger.

Das Familienzentrum Pichling (Famiz Pichling) ist Teil der Kinder- und Jugendservices (KJS) der Stadt Linz. Neben klassischer Elternbildung und -beratung wird seit zehn Jahren spezielle Beratung für Gewalthandelnde und deren Familien angeboten. Durch jeweils zusätzliche 50.000 Euro für das Jahr 2020 und 2021 können vorhandene Angebote erweitert, sowie neue Angebote im Kampf gegen Gewalt in der Familie etabliert werden. Dadurch kann sehr kurzfristig und effizient der Gewaltschutz sowohl präventiv als auch situationsbezogen erhöht werden. Geplant sind Angebote zur opferschutzorientierten Täterarbeit und gewaltpräventive Beratung bei Trennungssituationen. Ergänzt wird dieses Angebot durch Präventionsprogramme mit den städtischen Kindergärten und Horten. 

80 Prozent von häuslicher Gewalt ist nicht sichtbar

Gewalt ist erlerntes Verhalten und kann demzufolge auch wieder verlernt werden. Im familiären Kontext zeigen sich unterschiedliche Formen von Gewalt – vom erstmaligen Rempeln, Schubsen, Treten, Ohrfeigen bis zur gefährlichen Drohung und zum systematischen Terror. Einerseits als klares Täter-Opferschema, andererseits als wechselseitige Gewalt. 

Etwa 80 Prozent aller Gewalttaten im häuslichen Kontext finden im Verborgenen statt. Bei zehn Prozent der Fälle wissen beziehungsweise vermuten Personen im Umfeld von den Vorgängen. Lediglich bei zehn Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt sind Polizei und Gericht involviert. 

Ausbildungen im Gewalt-, Krisen- und Notfallbereich

Das erfahrene Team des Familienzentrums Pichling weist zusätzlich zu Sozialarbeit oder Psychologie eine mehrjährige Ausbildung im Gewalt-, Krisen- und Notfallbereich vor. Zu diesem Wissen und der langjährigen Erfahrung im Gewaltkontext besteht eine bewährte, erfolgreiche Vernetzung mit der Kinder- und Jugendhilfe (KJH). 

Insgesamt bestehen im Bereich Gewaltschutz in Oberösterreich massive Lücken, weshalb die Stadt Linz nun mit einem eigenen, verschiedene Angebote umfassenden Pilotprojekt voranschreitet. 

Angebote im Bereich der Intervention und Prävention

1.    OTA (Opferschutzorientierte Täterarbeit)

Globalziel dieses Projektes ist die Verbesserung der Situation von Frauen und Kindern, die von Gewalt durch Männer in ihrer Partnerschaft betroffen sind, durch Abbau von gewalttätigem Verhalten bei Männern. 
Das Konzept von OTA ist klar fall- und situationsorientiert, mit einem starken Fokus auf die unmittelbare Arbeit am Klienten in Abstimmung mit dem Gewaltschutzzentrum, der Kinder- und Jugendhilfe, dem Frauenhaus und dem Autonomen Frauenzentrum. Für diese Art der Kooperation braucht es eine Entbindung von der Verschwiegenheitsverpflichtung durch den Klienten.

Wenn die Männer diese Leistung in Anspruch nehmen wollen, findet zuerst ein „Clearing“ statt. Nach diesem Clearing inklusive Diagnostik bekommen diese ein passgenaues, auf Ihre individuelle Problemsituation abgestimmtes Angebot. Die Klienten können in der Regel beim gleichen Beratenden bleiben, da fast alle eine mehrjährige Ausbildung in Gewaltberatung absolviert haben.

Damit soll sichergestellt werden, dass gerichtliche Auflagen für Täter von diesen auch erfüllbar sind und durch den Austausch aller beteiligten Organisationen erreichen wir zielgerichtete Interventionen, die den Schutz der Frauen nachhaltig erhöhen.

Es ist eine österreichweite Forderung der Expertinnen aus Gewaltschutzeinrichtungen, dass mit den Tätern gearbeitet werden muss, um (potenzielle) Opfer nachhaltig zu schützen. Auch von den Linzer Einrichtungen wird das als ganz zentrale Notwendigkeit formuliert. In Oberösterreich gibt es derzeit nur eine einzige Stelle, die OTA ansatzweise im Gruppensetting anbietet.

Im Familienzentrum Pichling existiert bei mehreren MitarbeiterInnen die dafür notwendige Expertise auf diesem Gebiet. Gemeinsam mit dem Gewaltschutzzentrum wird bereits an einer Kooperationsvereinbarung und dem Start des Projektes OTA gearbeitet.

2.    Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit dem Fokus „Nicht Täter werden“ im Familienzentrum Pichling (Famiz Pichling)

Um Gewalteskalation in Trennungssituationen von vornherein zu vermeiden wurde im Familienzentrum Pichling ein spezielles Beratungssystem entwickelt. Zumeist ergreifen die Frauen die Beratungsinitiative. Die Männer verweigerten oft die Beratung oder brachen vorzeitig ab, deshalb entwickelte das Familienzentrum  Pichling ein gemischtgeschlechtliches Beratungskonzept. 

Seitdem wird hauptsächlich als Beraterpaar mit dem Elternpaar gemeinsam gearbeitet. Bei hohem eigenem Entwicklungsbedarf wird das Paar getrennt und der Berater arbeitet mit dem Mann und die Beraterin mit der Frau. Anschließend erfolgen wieder gemeinsame Termine. Als Folge nehmen die Männer Beratungstermine wahr und es kommt kaum mehr zu Abbrüchen.

Diese Vorgehensweise zeigt sich als effizient und sehr effektiv und hat sich bei konfliktreichen Scheidungs- und Trennungssituationen vielfach bewährt. Da immer ein/e Berater/in mit Gewaltberatungsausbildung anwesend ist, können bereits zu diesem Zeitpunkt deeskalierende Maßnahmen und Interventionen gesetzt werden. 
Scheidungs- und Trennungssituationen haben ein hohes Potenzial für Gewalthandlungen. Das Famiz Pichling verhindert Gewalt, indem faire und tragfähige Lösungen entwickelt werden.

Hier zeigt sich in der Beratungsrealität ein stark erhöhter Bedarf. Die Mittelaufstockung in diesem Bereich vermindert Familienkrisen und beugt Gewalttaten vor. 

In Linz gibt es keine andere Stelle, die diese Form der Unterstützung anbietet.

3.    Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit dem Focus „Gewalt beenden“

Dieses niederschwellige Beratungsangebot funktioniert wie Punkt 2. („Familien-, Scheidungs- und Trennungsberatung mit dem Fokus „Nicht Täter werden“); mit dem Unterschied, dass bereits eine Gewalthandlung stattgefunden hat. 

Diese Maßnahme wird ergänzend zu OTA (Opferschutzorientierte Täterarbeit) angeboten, wenn

  • sich das Opfer vom Täter nicht trennen will
  • wechselseitige Gewalthandlungen stattfinden oder
  • die Beratung im Verschwiegenheitskontext stattfinden soll.

In Einzelfällen kam es in diesem Bereich in der Vergangenheit zu Überweisungen durch die Kinder-und Jugendhilfe (KJH). Terminbestätigungen mussten zur Erfüllung der Auflage bei der KJH vorgelegt werden. Wird die Auflage durch die Eltern erfüllt, kann durch die erfolgreiche Beratung die Unterbringung von Kindern in sozialpädagogischen Einrichtungen vermieden werden. Durch diese Maßnahme entsteht mittelfristig eine Kosteneinsparung bei der KJH.

Die Mittelaufstockung in diesem Bereich verhindert zukünftige Gewalt und gibt Männern und Frauen die Chance einseitige oder gegenseitige Gewalttätigkeit zu beenden. Diese Art von Gewaltberatungsarbeit bietet in Linz nur das Famiz Pichling an.

Angebote im Bereich der präventiven Arbeit innerhalb des Kinder-und Jugendservices

4.    Programm „Faustlos“

Faustlos ist ein hochstrukturiertes, wissenschaftlich fundiertes Präventionskonzept zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen mit dem Ziel, gewaltbereitem Verhalten vorzubeugen. 
Aufbauend auf den Erkenntnissen jahrzehntelanger Forschungen geht es um die Förderung der drei wichtigsten Grundlagen für soziales Verhalten:

  • Empathiefähigkeit: die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können
  • Impulskontrolle: die Fähigkeit, das eigene Verhalten zu kontrollieren, um Probleme gewaltfrei lösen zu können und
  • den konstruktiven Umgang mit Gefühlen von Ärger und Wut.

Aufgrund der entwicklungspsychologischen Orientierung von „Faustlos“ stehen für die unterschiedlichen Altersstufen jeweils speziell zugeschnittene Programme und Materialien zur Verfügung.

Kindergarten

Das Kindergarten-Curriculum umfasst 28 Lektionen zur Vermittlung von Kompetenzen in den Bereichen Empathie, Impulskontrolle und Umgang mit Ärger und Wut. Die Materialien für Kindergärten bestehen aus einem Manual, einem Handbuch, großformatigen Fotokarten (auch auf CD) und den beiden Handpuppen „Wilder Willi“ und „Ruhiger Schneck". Mit Hilfe der beiden Handpuppen werden die Kinder dabei unterstützt, spielerisch und kleinschrittig eine breite Palette sozialer und emotionaler Kompetenzen zu erlernen und so ihr gewaltpräventives Verhaltensrepertoire zu erweitern.

Hort

Das Grundschul-Curriculum umfasst 51 Lektionen zur Vermittlung von Kompetenzen in den Bereichen Empathie, Impulskontrolle und Umgang mit Ärger und Wut. Der Faustlos-Koffer für Grundschulen enthält ein Manual, ein Handbuch und Bildmaterialien (incl. CD). Die Umsetzung des gesamten Programms erstreckt sich über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren. In sämtlichen Lektionen setzen sich die Kinder auf verschiedenen Ebenen mit einer breiten Palette sozialer und emotionaler Kompetenzen auseinander und erweitern so schrittweise ihr gewaltpräventives Verhaltensrepertoire.

Die Stadt Linz wird sowohl im Kindergartenbereich als auch im Hortbereich jeweils 14 Personen ausbilden, die diese Programme dann in den jeweiligen pädagogischen Einrichtungen umsetzen werden.

5.    Workshops für Hortkinder zum Thema Geschlechterbilder

Bei diesen Workshops werden Geschlechterbilder im Kontext von Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierungen reflektiert.

Sensibel und kindgerecht werden Vorstellungen, wie Buben und Mädchen „zu sein haben“ und mit welchen Erwartungen sie konfrontiert sind, beleuchtet. Anhand von Spielen und Übungen werden die Auswirkungen diskutiert und Alternativen überlegt.

6.    Ausbildung Gewaltprävention/Gewaltpädagogik Hort

Darüber hinaus bildet die Stadt Linz drei HortpädagogInnen zu GewaltpädagogInnen aus. Im speziell für Schule und Hort entwickelten Lehrgang mit sieben zweitägigen Modulen werden Leitlinien für den professionellen Umgang mit Gewalt und Aggression in der direkten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie in der Beratung von Eltern und KollegInnen gelehrt.

Die HortpädagogInnen stehen als ExpertInnen für Ihre eigenen Standorte, jedoch auch als Ansprechpersonen für Ihre KollegInnen, zur Verfügung. Sie erkennen Eskalationen frühzeitig, können Gewalt verhindern und intervenieren bei gewalttätigem Verhalten professionell.

 

Bild (Hartl): Frauenstadträtin Mag. Eva Schobesberger (3. v.l.) initiierte ein Pilotprojekt zum Gewaltschutz im Familienzentrum Pichling.