Sie sind hier: BEZIRK KIRCHDORF » ST. PANKRAZ
Donnerstag, den 22. Oktober 2020 07:00

Wolfsproblematik in OÖ


Präsidentin Michaela LangerWeninger und Almverein-Obmann Johann Feßl

Landwirtschaftskammer OÖ fordert Weideschutzzonen

Die steigende Wolfsdichte in den Nachbarländern Österreichs verdeutlicht, dass in den nächsten Jahren auch in weiten Teilen Österreichs mit einer zunehmenden Wolfspräsenz zu rechnen ist. Die Landwirtschaft und vor allem die Alm- und Weidewirtschaft stehen vor großen Herausforderungen. Einerseits gilt es eine flächendeckende sowie standortangepasste und traditionelle Weide- und Almwirtschaft mit ihren multifunktionalen Wirkungen weiterhin und auf Dauer aufrecht zu halten, andererseits lassen die generellen Voraussetzungen in vielen kleinstrukturierten Regionen ein konfliktfreies Miteinander nicht oder kaum zu.

Der Erhalt des Grünlandes, der Biodiversität und einer überlebensfähigen Nutztierhaltung stellt ein gesellschaftliches und volkswirtschaftliches Interesse dar, das dem Schutz der Wölfe keinesfalls untergeordnet werden darf. Daher fordert die Landwirtschaftskammer OÖ ein Verfahren, das für die betroffenen Bauern und Weidehalter Sicherheit gibt und eine rasche Reaktion bei Auftreten von Problemwölfen ermöglicht. An das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie wird die Forderung gerichtet, sich bei der Europäischen Kommission dafür einzusetzen, EU-weit die rechtlichen Voraussetzungen für ein aktives Wolfsmanagement zu schaffen und die Fauna-FloraHabitat-Richtlinie entsprechend anzupassen. Biodiversität, Tourismus und Landwirtschaft in Einklang bringen „Wenn die Gesellschaft den Wolf haben möchte und weiterhin eine artgerechte Weidehaltung sowie eine Almbewirtschaftung, dann muss auch die Erlegung von Wölfen akzeptiert werden.

Die Landwirtschaftskammer OÖ fordert daher Weideschutzzonen, in denen Wölfe bejagt werden können um Biodiversität, Tourismus und Landwirtschaft in Einklang zu bringen. Die Forderung für die Wiederkehr von Wölfen kommt hauptsächlich von 2/4 jenen Personen, die selbst nicht damit leben und arbeiten müssen. Sie beziehen sich auf die EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) und sind der Meinung, dass der Wolf deswegen besonders schützenswert sei, weil er bisher bei uns nicht mehr heimisch war. Doch von einer bedrohten Tierart kann auf Grund der gesicherten Population in Europa mit mehr als 20.000 Exemplaren keine Rede mehr sein“, betont Michaela Langer-Weninger, Präsidentin der Landwirtschaftskammer OÖ. Wir wissen, dass der Wolf noch nie in Europa ausgestorben ist. Auch die Weidetierhaltung war deswegen nie ernsthaft in Gefahr, aber, wenn wir kulturelle und soziale Aspekte bei der Debatte zu wenig berücksichtigen, werden wir wenig Chancen haben, eine artgerechte Tierhaltung im Alpenraum dauerhaft aufrechtzuerhalten. Wenn diese kulturellen und sozialen Aspekte aufgrund einer „Pseudoökoideologie“ negiert werden, dann kann es keinen Problemlösungsprozess geben, und es kann kein nachhaltiger, fairer und artgerechter Schutz der domestizierten Tiere und des Wildtieres stattfinden.

Weidehaltung ist gefährdet
„Die Bauern in den betroffenen Gebieten im Norden und Süden von Oberösterreich fühlen sich in die Enge getrieben: Sie streben zum Wohle ihrer Tiere die Weidehaltung an und sehen die Beweidung, die ein wesentlicher Bestandteil einer naturnahen Landwirtschaft ist, seit dem Auftreten des Wolfes in der Region gefährdet. Wenn unsere Bäuerinnen und Bauern die Weidehaltung aufgeben müssen, bedeutet das für die Landwirtschaft Rückschritt, den Verlust von Biodiversität in der Kulturlandschaft und eine Abnahme der Lebensqualität im ländlichen Raum. Wir brauchen dringend ein wirksames überregionales Wolfsmanagement und eine Raumplanung mit gezielter Wolfsbewirtschaftung“, ist LangerWeninger überzeugt.

Johann Feßl, Obmann des Vereins OÖ Alm und Weide
Wiederkehr des Wolfes: besorgte Almbauern Die OÖ Almbauern beobachten die Wiederkehr des Wolfes seit langem mit großer Besorgnis. Nach längerer Ruhe kam es mit Mai 2020 zu einer unerklärlich hohen Anzahl an Wolfsrissen im Süden Oberösterreichs. Nach und nach stellte sich heraus, dass es sich dabei nicht um ein Einzeltier handelt, sondern um mindestens zwei, wenn nicht mehr Wölfe. „Wir weisen darauf hin, dass ein Herdenschutz mittels Zaun in unserem Gelände ein Ding der Unmöglichkeit ist. Bei geschätzten 1.400 Kilometer Alm-Außengrenzen in Oberösterreich rechne ich mit Investitionskosten von rund acht Millionen Euro. Die Lebensdauer eines Zauns im Hochgebirge ist mit weniger als fünf Jahren zu kalkulieren. Der Arbeitsaufwand ist für unsere Almbauern nicht bewältigbar. Zudem würden die Zäune Barrieren für Wildtiere und die Wanderer bedeuten. Auch Herdenschutzhunde würden erhebliche Kosten verursachen und die Unfallgefahr für die Wanderer würde durch diese Hunde steigen“, betont Johann Feßl, Obmann des Vereins OÖ Alm und Weide.

Daten und Fakten zu den Almen in Oberösterreich
Die Zahlen bestätigen einen stetigen Trend: Die Anzahl der Almen ist rückläufig. Derzeit wird von 182 Almen ein Mehrfachantrag gestellt. Auf rund 100 Almen ist eine Halterin oder ein Halter vor Ort. Die restlichen Almen werden durch regelmäßige Nachschau geführt. Die Almfutterfläche beträgt 3.900 Hektar. Die Gesamtanzahl des aufgetriebenen Weideviehs (Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen) ergibt in Großvieheinheiten umgerechnet 3.800. Von den in Oberösterreich gesamt 4.800 gealpten Stück Rindern stellt der Hauptteil Jungrinder dar. Das sind weniger als ein Prozent des oberösterreichischen Rinderbestands. Für die Bewirtschaftung der Hochalmen sind die derzeit 900 Schafe eine langfristig zu kleine Gruppe, um die Hochalmen offen zu halten. Diese sind gegenüber einer Wolfspräsenz besonders gefährdet. Weiters sind auf unseren Almen auch Pferde und Ziegen zu finden. Diese sind zur Weidepflege ein wichtiger Baustein, aber ebenso bei einer Wolfspräsenz gefährdet. Die Anzahl der auftreibenden Betriebe ist von 2018 auf 2019 um 11 Betriebe auf 631 gestiegen.

„Der Strukturwandel führt auch dazu, dass mit der geringeren Zahl von auftreibenden Betrieben auch weniger Personal für die Arbeit zur Verfügung steht, das bei der häufig anfallenden Handarbeit mit anpackt. Für eine wirtschaftliche Offenhaltung der Alm- und Weideflächen ist es aber notwendig, ausreichend Tiere aufzutreiben und dafür braucht es auch entsprechend Betriebe im Tal und Arbeitskräfte“, erläutert Feßl.

 

Bild (LK-OÖ): Präsidentin Michaela LangerWeninger und Almverein-Obmann Johann Feßl unterstrichen bei einer Pressekonferenz die gemeinsame Forderung nach Weideschutzzonen.