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Montag, den 10. Juni 2019 07:00

Geh´ma Panzer schauen


Teilnehmer in Uniform der 82. US-Luftlandedivision

75 Jahre Landung in der Normandie oder Chaos in neuer Dimension

Der Anlass war würdig und die Welt war vielfach präsent und vertreten. Frankreich lud zum Gedenken an die vielen Opfer, die die größte Landungsoperation der Geschichte forderte und einen entscheidenden Beitrag zur Befreiung Europas von der Naziherrschaft leistete.

Grund genug, um sich auf den weiten Weg in die Normadie zu machen und die aktuellen Geschehnisse mittels Kamera festzuhalten. Geboten wurden neben den offiziellen Feierlichkeiten mit den Staatsoberhäuptern (die geladenen Gästen vorbehalten blieben) ein gewaltiges Treffen von historischen Fahrzeugen, tausende Personen in originalen Uniformen, Landeoperationen aus historischen Flugzeugen, eine synchron abgefeuertes Feuerwerk an allen Küstenorten, nachgebaute Militärcamps, eine ganze Reihe von Kulturveranstaltungen und vieles mehr.

Kamen die Invasoren und Befreier 1944 auf den See- und Luftweg, erfolgte die Erstürmung der Normandie 2019 auf dem Landweg. Zehntausende Besucher wollten an den Feierlichkeiten bzw. des wesentlich spektakuläreren Rahmenprogramm teilnehmen. Seit Februar war kein freies Zimmer oder ein Platz auf einem Campingplatz zu bekommen. Das auf einem Küstenstreifen von rund 250 km Länge und etwa 50 km Breite. Was etwa der Größe von Oberösterreich entspricht. Die Buchungslage in der Normandie ist überduchschnittlich, so die Auskunft in perfektem Deutsch aber nicht ganz treffend  vom Tourismusbüro Normandie.

D.h. Besucher und Teilnehmer nahmen z.T. Anfahrtswege von rund 200 km in Kauf, was nicht ohne Auswirkung auf den Autoverkehr blieb. Bei der ersten größeren Veranstaltung am 5. Juni in Carentan, einer 8.000 Einwohner-Gemeinde, eine Luftlandevorführung am Originalschauplatz kam es zu einem Verkehrskollaps und zu einem kumulierten Stau von rund 40 Km an den Zufahrtsstraßen. Gemeinden in der Basse-Normandie glänzen üblicherweise nicht durch ausgebaute Verkehrswege und noch weniger durch Parkplätze. Wahrscheinlich hätte man Carentan schleifen müssen und mit dem gewonnenen Platz die anströmenden Autos unterzubringen. Die Bocage, eine Landschaft mit unzähligen Steinmauern und Ginsterhecken verhindert das Parken auf Wiesen und Feldern. An Lösungen mit Shuttle-Bussen von freien Flächen dachte man offensichtlich nicht. So kam es wie es kommen musste, die abgesprungenen Fallschirmjäger hatten ihre Fallschirme längst wieder gepackt, als die letzten Staus sich auflösten.

Ortszentren waren mit Fahrzeugpräsentationen und Defilierungen gesperrt, was natürlich auch Auswirkungen auf die ohnehin prekäre Verkehrssituation hatte. Endlose Schlangen vor Cafés und Restaurants waren die Regel. Auch die persönlichen Bedürfnisse mussten gut geplant werden, auch hier lange Warteschlangen vor den wenigen öffentlichen WCs. Auch das Mobilfunknetz musste ihren Tribut an die Besucherflut leisten und funktionierte nur mehr äußerst eingeschränkt. Das mobile Datennetz versagte schon mal über Stunden komplett den Dienst.

Wenig Freude hatten auch viele angereiste Besitzer von den historischen Fahrzeugen, die nicht für stundenlangen Stop-and-go-Betrieb ausgelegt sind und diese Fahrweise mit fallweise heißen Motoren und stinkenden Kupplungsbelägen quittierten. Keine Probleme gab es scheinbar diesjährig mit der Treibstoffversorgung. Bei vergangenen Jubiläumsveranstaltungen kam es schon mal vor, dass eine Kompanie Sherman-Panzer eine Tankstelle leertankte. Bei den aktuellen Treibstoffpreisen in Frankreich empfahl sich das Mitbringen des Sprudels, der vielfach aus Deutschland angereisten Besitzer der militärischen Oldtimer ohnehin.

Trotz vieler weiterer Veranstaltungen war bereits am 7. Juni der Spuk des Massenansturm vorbei. Hotels und Pensionen waren wieder verfügbar und die Normandie fährt wieder Normalbetrieb. Gerade rechtzeitig vor dem Eintreffen eines heftigen Sturms, der einiges an Spuren hinterließ. Aber das ist man hier gewohnt.

Falls man sich der Ruhe und Beschaulichkeit eines Aufenthalts in der Normandie hingeben möchte, Jubiläumsveranstaltungen rund um den 6. Juni meiden. Ansonsten ist die Zeitreise in das Jahr 1944 sehr empfehlenswert. Was zum Umkerschluss führt, dass die Landung der Alliierten mit ihren gewaltigen Kollateralschäden für eine späte aber dafür jahrzehntelange Belebung der touristischen Wirtschaft der Region wenigstens eine Entschädigung leistet.

 

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