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Dienstag, den 21. Juli 2020 07:00

Almen in OÖ


Johann Feßl, Obmann des Vereins OÖ Alm und Weide und LK-Präsidentin Langer-Weninger

2020 wird eine besondere Wandersaison

Das Coronavirus und der dadurch eingeschränkte Bewegungsradius der Österreicher bewirkte bereits ab April, dass mehr Wanderer auf den Almen unterwegs waren als üblich. Das verstärkte die Vermutung, dass die Wandersaison 2020 eine besondere werden würde. Es ist verständlich und für den Tourismus auch erfreulich, dass die heimische Bevölkerung ihre Freizeit verstärkt in der heimischen Kulturlandschaft verbringen wird. Gewisse Verhaltensregeln für ein achtsames Miteinander sollen dabei aber unbedingt eingehalten werden.

Den Alm-Verantwortlichen ist durchaus bewusst, dass Themen die in der Vergangenheit bereits für Spannung gesorgt hatten, 2020 wieder virulent werden. Neben der verstärkten Besucherzahl ist festzustellen, dass es auch viele Leute gibt, die heuer erstmals auf die Alm gehen. Die Ausrüstung dieser Wanderer ist häufig für das Gehen abseits von befestigten Wegen nicht geeignet. Das korrekte Verhalten muss erst in Fleisch und Blut übergehen. Die Wanderer bleiben vielfach nicht auf den markierten Wegen, viele Parkplätze bei den Starts der Wanderrouten sind derart überfüllt, dass Landwirte mit ihren Arbeitsgeräten nicht zu den zu bewirtschaftenden Flächen durchkommen. Bei wetterabhängigen Erntearbeiten können derartige Zeiträuber enorme Auswirkungen haben. „Die Landwirtschaftskammer OÖ hat vollstes Verständnis dafür, dass die Österreicher ihre Ferien auch in der schönen Naturlandschaft der heimischen Almen verbringen wollen. Nur muss eines klar sein: Die Besucher müssen sich an gewisse Regeln halten, damit es zu einem gedeihlichen Miteinander kommt“, betont Landwirtschaftskammer-Präsidentin Michaela Langer-Weninger.

Information fördert Verständnis und achtsames Miteinander
„Bereits 2019 hat der OÖ Tourismus Infobroschüren zum richtigen Verhalten auf der Alm zur Ausgabe an die Gäste verteilt. 2020 hat der OÖ Tourismus zur Information vor Ort 200 Tafeln mit den 10 wichtigsten Verhaltensregeln finanziert. Wir empfehlen, diese auf stärker frequentierten Wanderwegen zu positionieren. Ich fordere auch klar die Verantwortlichen im Tourismus auf, dass sie die Gäste in den Regionen in Gesprächen, mittels unserer Broschüren oder Informationstafeln darauf aufmerksam machen, wie man sich auf den Almen verhalten soll und ich freue mich über 2/6 verstärkte Kooperationen in diesem Bereich“, bekräftigt Landwirtschaftskammer-Präsidentin Michaela Langer-Weninger. Die Informationstafeln können beim Kundenservice der Landwirtschaftskammer OÖ unter 050 6902 1000 zum Versandkostenpreis bestellt werden. Für die Nutzung der Bergregionen durch mehrere Interessengruppen braucht es die intensive Kontaktpflege aller Beteiligten. Die Landwirtschaftskammer OÖ und der OÖ Verein für Alm und Weide sind um ein gutes Miteinander bemüht. Wenn sich alle Beteiligten an die Verhaltensregeln halten, steht einem schönen Almsommer in den oberösterreichischen Bergen nichts im Wege.

Auch auf der Alm gilt: eigenverantwortlich handeln
Mit der Novelle der Tierhalterhaftung durch das Haftungsrechts-Änderungsgesetz 2019 wurde die verstärkte Eigenverantwortung der Besucher von Almen und Weiden festgeschrieben. Konkret lauten die Verhaltensregeln zB, dass Wanderer Kontakt zum Weidevieh vermeiden und Tiere nicht füttern sollten. In der Nähe von Weidevieh sollte man sich möglichst ruhig verhalten. Bei einer Begegnung mit Mutterkühen, die ihre Kälber schützen wollen, sollte man die Begegnung mit Hunden vermeiden und den Hund an der kurzen Leine führen. Ist allerdings ein Angriff durch ein Weidetier abzusehen, sollte man den Hund sofort ableinen. Man sollte auch die Wanderwege nicht verlassen und Weidevieh, das den Weg versperrt, in großem Abstand umgehen. „Leider gibt es auch einige echte Unbelehrbare, die viele Anstrengungen um ein gutes Miteinander wieder zunichtemachen. Auf dem Social-Media-Kanal TikTok wurden kürzlich beispielsweise Kurzvideos beim bewussten Erschrecken von Weidetieren veröffentlicht. Die Verlässlichkeit unserer Weidetiere wird auf diese Art massiv gefährdet. Im Gesetz ist außerdem festgeschrieben, dass für das Handeln eines Tieres jene Person verantwortlich ist, die es dazu angetrieben hat. Wir können nur an die Almbesucher appellieren, auch auf die Alm den Hausverstand mitzunehmen“, so Präsidentin Langer-Weninger. Auf der Seite www.sichere-almen.at sind die wichtigsten Regeln zum Verhalten auf der Alm zusammengefasst und auch in kurzen Videos anschaulich erklärt.

Versicherungsschutz für Almbauern ist gegeben
Das Land OÖ hat für die Almbewirtschafter in unserem Bundesland rasch auf das Urteil des Obersten Gerichtshofs zur Kuhattacke im Tiroler Pinnistal reagiert. Im letzten Urteil im Mai 2020 wurde dabei die alleinige Schadenverantwortung durch den Almbauern auf eine Teilschuld geändert. Mit der Tierhalterhaftpflichtversicherung des OÖ Vereins für Alm und Weide, abgeschlossen bei der OÖ Versicherungs AG, wird aus dem OÖ Agrarbudget die Abdeckung der zuvor offenen Risiken finanziert. „Auf Grund der vielfältigsten Rechtsgrundlagen von Almbetrieben sind nicht alle für die Viehbetreuung verantwortlichen Personen über eine reguläre landwirtschaftliche Betriebshaftpflichtversicherung abgesichert. Zum Beispiel wäre ein Altbauer, der den Hof übergeben hat und als Obmann die Verantwortung für eine Almgemeinschaft führt, nur sehr selten abgesichert gewesen. Der neue Versicherungsschutz ist auf die Mitgliedschaft beim OÖ Verein für Alm und Weide bezogen und gilt für Flächen in Oberösterreich samt angrenzender Almgebiete in Nachbarbundesländern. Auch das Risiko auf einer Talweide ist erfasst.

Diese neue Tierhalterhaftpflicht ist unserer Ansicht nach ein probates Mittel, um unsere 3/6 Almbewirtschafter vor hohen Zahlungen, die durch von Tieren verursachten Schäden entstehen, zu schützen“, betont Langer-Weninger. Die Tierhalterhaftpflichtversicherung gilt subsidiär. Sie wirkt dann, falls keine andere Haftpflichtversicherung den Schaden abwickeln würde. Daher gilt grundsätzlich: Jeder Tierhalter ist angehalten, eine landwirtschaftliche Betriebshaftpflichtversicherung abzuschließen. Dadurch ist er grundsätzlich bei Schäden, die seine Tiere auslösen, gedeckt. Die Wanderwegehaftpflichtversicherung des OÖ Tourismus wurde 2019 um das Risiko Weidetiere ergänzt. Diese gilt für Wanderwege der Wanderwegbetreiber wie Alpinverbände oder regionale Tourismusverbände die beim OÖ Tourismus erfasst sind. Überlicherweise sind dies die offiziell beschilderten Wanderwege. „Bei etwaigen Unklarheiten empfehlen wir über die Wegewarte, Gemeinden oder die regionalen Tourismusverbände, die Sachlage zu klären. Nur dann kann einwandfrei festgestellt werden, ob für einen bestimmten Weg die Sammelhaftpflichtversicherung gilt oder nicht. Die Verantwortungsträger haben sich bemüht Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine möglichst hohe Rechtssicherheit bieten können“, betont Langer-Weninger.

Johann Feßl, Obmann des Vereins OÖ Alm und Weide
Almwirtschaft im Bann von Corona und dem Wolf
Die neuesten Zahlen bestätigen einen stetigen Trend: Die Anzahl der einen MFA-stellenden Almen ist im Jahr 2019 um eine Alm auf 182 gesunken. Davon sind 102 Almen mit einem ständigen Hirten ausgestattet. Die Almfutterfläche laut Invekos beträgt unverändert 3.900 Hektar. Die Gesamtanzahl des aufgetriebenen Weideviehs (Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen) ergibt in Großvieheinheiten umgerechnet 3.800 GVE. Von den in OÖ gesamt 4.800 gealpten Stück Rindern stellt der Hauptteil Jungrinder dar, die mit dem Faktor 0,6 GVE je Stück gezählt werden. Das sind weniger als 1 Prozent des OÖ Rinderbestands. Die in Summe mehr als 1.000 Schafe, Ziegen und Pferde sind aufgrund ihres Fressverhaltens ebenfalls wichtige Weidepfleger. Die Anzahl der auftreibenden Betriebe ist von 2018 auf 2019 um 11 Betriebe auf 631 gestiegen. Die Covid 19 Vorsorgemaßnahmen bedeuteten für das gemeinschaftliche Arbeiten auf der Alm, dass familienfremde Personen einen entsprechenden Sicherheitsabstand einzuhalten hatten. Anfangs musste beim Landesproduktenhandel geklärt werden, dass Material für die Zaunreparatur zur Verfügung stand.

Bald konnte aber wieder die gewohnte Arbeitsroutine gefunden werden. Der Viehauftrieb 2020 ist laut Rückfrage bei den Almbauern zufriedenstellend. Der traditionelle Almwandertag, der immer am 15. August stattfindet und bei dem jedes Jahr eine andere oberösterreichische Alm in den Blickpunkt gerückt wird, wurde für heuer abgesagt. Wiederkehr des Wolfes: besorgte Almbauern Die OÖ Almbauern beobachten die Wiederkehr des Wolfes seit langem mit großer Besorgnis. Nach längerer Ruhe kam es mit Mai 2020 zu einer unerklärlich hohen Anzahl an Wolfsrissen im Süden Oberösterreichs. Nach und nach stellte sich heraus, dass es sich dabei nicht um ein Einzeltier handelt, sondern um mindestens zwei, wenn nicht mehr Wölfe. Bei einem Runden Tisch gemeinsam mit dem Land OÖ wies der OÖ Verein für Alm und Weide darauf hin, dass ein Herdenschutz mittels Zaun in unserem Gelände ein Ding der Unmöglichkeit ist. Bei geschätzten 1.400 Kilometer Alm-Außengrenzen in OÖ wären die Invesitionskosten mit ca. acht Millionen Euro zu beziffern. Die Lebensdauer eines Zauns im Hochgebirge ist mit weniger als fünf Jahren zu kalkulieren. Der Arbeitsaufwand wäre nicht bewältigbar. Auch die Errichtung von Zäunen ist nicht praktikabel: Diese würden Barrieren für Wildtiere und die Wanderer bedeuten. Auch Herdenschutzhunde würden erhebliche Kosten verursachen. Zusätzlich würde die Unfallgefahr für Wanderer durch diese Hunde steigen. „Die Forderung für die Wiederkehr von Wölfen kommt hauptsächlich von jenen Personen, die selbst nicht damit leben und arbeiten müssen. Sie beziehen sich auf die EUFauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) und sind der Meinung, dass der Wolf deswegen besonders schützenswert sei, weil er bisher bei uns nicht mehr heimisch war. Doch von einer bedrohten Tierart kann auf Grund von vielen gesicherten Populationen in dünnbesiedelten Regionen Europas mit mehr als 20.000 Exemplaren keine Rede mehr sein“, betont der Obmann des OÖ Almvereins, Johann Feßl. Der Erhalt des Grünlandes, der Biodiversität und einer überlebensfähigen Nutztierhaltung stellt ein gesellschaftliches und volkswirtschaftliches 5/6 Interesse dar, das dem Schutz der Wölfe keinesfalls untergeordnet werden darf. Daher fordert der Almverein und die Landwirtschaftskammer OÖ ein Verfahren, das für die betroffenen Bauern und Weidehalter Sicherheit gibt und eine rasche Reaktion bei Auftreten von Problemwölfen ermöglicht. An das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) wird die Forderung gerichtet, sich bei der Europäischen Kommission dafür einzusetzen, EU-weit die rechtlichen Voraussetzungen für ein aktives Wolfsmanagement zu schaffen und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie entsprechend anzupassen.

Corona zeigt den Wert heimischer Lebensmittel
Durch die Coronakrise wurde sichtbar, dass nicht immer nur der „billigste Preis“ der beste Preis ist, sondern dass Eigenversorgung und regionale Herkunft von Lebensmitteln Werte sind, die es zu erhalten gilt. Qualität und gesicherte Herkunft gilt vor allem auch für Lebensmittel, die auf unseren Almen produziert werden. Sie entstammen den natürlichsten Produktionsbedingungen. „Die Besucher können auf unseren Almen die hochwertigsten Lebensmittel genießen. Sie spüren bei ihrem Almbesuch den Wert von Regionalität und Saisonalität. Unser Ziel ist es, den Besuchern diese Werte auch nach Hause mitzugeben. Wenn sie nach ihrem Almbesuch verstärkt zu heimischen Lebensmitteln greifen und sie auch einen entsprechenden Preis dafür zu zahlen bereit sind, dann sind wir gerne die Botschafter für Lebensmittel aus der Region und freuen uns über Gäste auf unseren Almen“, betont Obmann Feßl.

 

Bild (c) LK-OÖ