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Freitag, den 17. Juli 2020 07:00

Richtig und rasch handeln


Prim. Dr. Oliver Wagner, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr.

Damit Naschkatzen nicht zum Fall für die Notaufnahme werden: Wenn Kinder giftige Beeren essen, ist Eile geboten

STEYR. Beeren sind für Kinder besonders anziehend, weil sie meistens süß, saftig und bunt sind und eher niedrig wachsen. Doch zwischen Erdbeeren, Himbeeren, Ribiseln und Co wuchern oft auch Giftpflanzen, die für die Kleinen sehr gefährlich sein können. Was Erwachsene beachten sollten, wenn der Nachwuchs trotz aller Vorsicht giftige Pflanzen erwischt hat, erklärt Prim. Dr. Oliver Wagner vom Klinikum Steyr.

So schnell können Erwachsene oft gar nicht hinsehen, wie der Sprössling beim Spielen draußen oder beim Waldspaziergang ein paar bunte Beeren entdeckt und in den Mund steckt. Wenn nicht sicher ist, dass es sich dabei wirklich um essbare Früchte handelt, heißt es jetzt vor allem: Ruhe bewahren und trotzdem rasch reagieren. Selbst im Zweifelsfall sollten anwesende Erwachsene immer medizinische Hilfe in Anspruch nehmen und nie zuerst abwarten, ob Symptome auftreten, rät Prim. Dr. Oliver Wagner, Leiter der Abteilung für Kinderund Jugendheilkunde am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr: „Bei einer Lebensmittelvergiftung kann es zu sehr unterschiedlichen Symptomen wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder Müdigkeit kommen. Abhängig davon, wie viele Beeren von welcher Pflanze das Kind erwischt hat, sind auch Bewusstlosigkeit und Herz-Kreislauf-Probleme möglich. Und manche Giftpflanzen zeigen erst nach 24 Stunden ihre Wirkung.“

Vergiftungsverdacht: Richtig und rasch handeln

Betroffenen rät der Primar, umgehend die Vergiftungszentrale (österreichweit rund um die Uhr unter Tel. +43 1 406 43 43 erreichbar) anzurufen: „Beschreiben Sie die Pflanze und folgen Sie den Anweisungen am Telefon. Halten Sie, wenn möglich, auch Angaben zu Größe und Gewicht des Kindes bereit und darüber, wie viel es vorher bereits gegessen und getrunken hat. Geben Sie dem Kind währenddessen Wasser, Tee oder Saft in kleinen Schlucken zu trinken, um die Aggressivität des Giftes etwas zu vermindern. Bei starken Vergiftungserscheinungen wie Bewusstseinsveränderungen, Lähmungen, Muskelkrämpfen, Atmungsstörungen oder Bewusstlosigkeit sollten Sie aber sofort den Notarzt verständigen.“ Sind im Mund des Kindes noch Reste der Beere zu finden, sollten Eltern diese unbedingt aufbewahren und, wenn ein Arztbesuch notwendig ist, dorthin mitnehmen. Dadurch kann schneller bestimmt werden, um welche Beere und um welches Gift es sich handelt.

Finger weg: Hausmittel und erzwungenes Erbrechen sind schädlich
Auf keinen Fall sollten Eltern versuchen, mit Hausmitteln gegen die Vergiftung anzukämpfen. „Dass zum Beispiel das Einflößen von Salzwasser helfen soll, weil es das Kind zum Erbrechen bringt, ist eine Mär und unter Umständen sogar schädlich“, weiß Prim. Dr. Wagner. „Wird das Salzwasser nicht wieder vollständig erbrochen, kann das nämlich zu einer lebensgefährlichen Natriumvergiftung führen.“ Genauso galt Milch lange Zeit als bewährtes Hausmittel, aber auch davor warnt der Experte: „Milch entgiftet nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall, weil das Fett in der Milch die Löslichkeit vieler Giftstoffe erhöht.“ Auch vom mechanischen Versuch, das Kind zum Erbrechen zu bringen, indem ihm der Finger in den Hals gesteckt wird, sollten Erwachsene Abstand nehmen. „Vor allem bei Babys und Kleinkindern kann das mitunter dramatische Kreislaufreaktionen hervorrufen. Auch können dadurch reizende Giftstoffe in die Atemwege gelangen“, erklärt der Mediziner.

Vergiftungen vorbeugen: Erwachsene sind Vorbilder
Um Vergiftungsunfällen bei Kindern vorzubeugen, sollten sich Erwachsene vor allem ihrer Vorbildrolle bewusst sein, gibt Wagner außerdem zu bedenken: „Wenn sich zum Beispiel Eltern einfach eine Beere vom Strauch schnappen und sie essen, machen Kinder das nach. Sinnvoll ist es daher, ihnen beizubringen, dass selbstgepflückte Beeren nie heimlich vernascht werden dürfen, sondern zuerst immer hergezeigt werden müssen.“ Obwohl giftige Pflanzen für Kinder sehr gefährlich werden können, beruhigt der Mediziner auch damit, dass nur etwa jede siebzigste Pflanzenvergiftung in einer schweren Vergiftung endet: „Giftige Beeren sehen verlockend aus, schmecken aber meistens bitter und ungenießbar. Das hat den Vorteil, dass Kinder sie in der Regel auch schnell wieder ausspucken.“

 

Bild (OÖG): Prim. Dr. Oliver Wagner, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr.


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