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Donnerstag, den 03. Dezember 2020 07:00

Lernen aus der Geschichte


Buchpräsentation mit Bürgermeister Andreas Rabl

Forschungsreihe „Nationalsozialismus in Wels“ mit Band IV abgeschlossen

Der vierte und letzte Band der von der Stadt herausgegebenen Forschungsreihe „Nationalsozialismus in Wels“ liegt nun vor. Damit hat das Stadtarchiv dieses dunkle Kapitel der Welser Stadtgeschichte nun fertig wissenschaftlich aufgearbeitet.

Das Forschungsprojekt
Zur Zielsetzung des Forschungsprojektes heißt es im Vorwort zu Band IV wörtlich: „Ziel war es, eine Zeitperiode, die Wels auf jeder Ebene der Gesellschaft – sozial, politisch, physisch und psychisch – erschütterte, wissenschaftlich aufzuarbeiten und zu publizieren, um so einer breiten Leserschaft den Zugang zu diesem Themenkomplex zu ermöglichen. Die einzelnen Themenbereiche wurden definiert, und es wurde versucht, ausgewiesene Experten zu finden, die diese bearbeiten. Dies ist weitgehend gelungen: Es konnten 25 wissenschaftliche Aufsätze umgesetzt werden, die heute vorliegen.“

Unter der Federführung des mittlerweile pensionierten ehemaligen Archiv-Leiters Konsulent Günter Kalliauer wurden die ersten beiden Bände bereits in den Jahren 2008 beziehungsweise 2012 veröffentlicht. 2015 folgte Band III bereits unter der Ägide von Nachfolger Mag. Michael Kitzmantel, der nun auch für den Abschlussband verantwortlich zeichnet. Die ersten drei Bände liegen im Stadtarchiv im Herminenhof (Maria-Theresia-Straße 33) auf und können dort – natürlich außer zu Zeiten eines Lockdowns – eingesehen werden.

Der vierte Band
Der nun erscheinende Band IV umfasst 252 Seiten und neun wissenschaftliche Aufsätze. Die sieben Autoren sind neben Mag. Michael Kitzmantel und Mag. Karin Bachschweller vom Stadtarchiv Univ.-Doz. Dr. Florian Freund (Universität Wien, ehemals Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes), Mag. Peter Eigelsberger (Leiter Dokumentationsstelle Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim), Franz Scharf (Oberösterreichisches Landesarchiv) sowie die freien Historiker Dr. Hermann Volkmer und Sandra Pfistermüller, MA. Das Buch ist zum Preis von 25 Euro nach Ende des Lockdowns im Stadtarchiv (Maria-Theresia-Straße 33), im Tourismusverband (Stadtplatz 44) sowie im Welser Buchhandel erhältlich. (Dort und im Stadtarchiv werden auch die Bände II und III zum reduzierten Preis von 20 Euro zum Kauf angeboten). Die einzelnen Kapitel von Band IV werden im kommenden Jahr auch mit einer historischen Artikelserie im Amtsblatt „Wels informiert“ vorgestellt.

Inhaltliches
Schwerpunkte
von Band IV bilden die kommunale Politik und das Jahr 1945, ergänzt um die Einzelthemen Bauwesen, Entnazifizierung und die Flugzeug- und Metallbauwerke Wels. Mag. Karin Bachschweller führt den Leser in die Biographien der nationalsozialistischen Hauptakteure ein: Sie beleuchtet das Leben der NS-Bürgermeister Dr. Leo Sturma (1938-1939) und Josef Schuller (1939-1945) sowie von Hermann Markut (Führer der lokalen SS) und Walter Ebner (dessen Pendant in der SA).

In einem weiteren Kapitel geht Mag. Bachschweller näher auf die Kommunalpolitik unter Bürgermeister Schuller ein, Mag. Michael Kitzmantel macht zuvor selbiges mit dessen Vorgänger Dr. Sturma (der übrigens 1940 bis 1944 auch Oberbürgermeister von Linz war). Damit und mit seinem Kapitel über Kriegsende und Neubeginn (Wels von April bis Dezember 1945, bereits präsentiert im Amtsblatt Mai 2020 zum Jubiläum „75 Jahre Kriegsende“) schließt Mag. Kitzmantel den Kreis, den er mit dem Artikel über den „Anschluss“ in Band I begonnen hat.

Das bewährte Historiker- und Stadtarchiv-Kollegen-Gespann Kitzmantel/Bachschweller stellt in seinem Kapitel über die Todesmärsche ungarischer Juden durch Thalheim und Wels die Zeitzeugenaussagen in den historischen Kontext. So erhält der Leidensweg der 15.000 bis 20.000 Opfer zusätzlich zu den bisher rein wissenschaftlichen Publikationen – und dem alljährlichen Gedenken im Frühling am Welser Stadtfriedhof – eine breitere Öffentlichkeit.

Ebenfalls aus der Feder von Mag. Kitzmantel (unter Mitarbeit von Ing. Wolfgang Neuwirth und Ernst Witibschlager) stammt der Abschnitt über die Flugzeug- und Metallbauwerke Wels. Dieser NS-Großbetrieb mit 1.900 Beschäftigten wurde übrigens als einziger nach dem Krieg nicht weitergeführt. Hauptaktionäre waren damals übrigens Herzog (1887-1953) und Prinz (1914-1987) Ernst August von Hannover, deren 1954 geborener gleichnamiger Enkel beziehungsweise Sohn aufgrund diverser Vorfälle einen durchaus großen Bekanntheitsgrad – samt einschlägiger Spitznamen – genießt.

Gemeinsam mit Univ.-Doz. Dr. Florian Freund hat sich Mag. Kitzmantel zudem mit dem Konzentrationslager Wels II beschäftigt. Das Kapitel bringt dank einer neuen Quelle den endgültigen Beleg für den Standort des „kurzfristig bestehenden Lagers in der Endphase“ in der Reichsnährstandshalle (später „Halle der Nationen“) und neue Details über den Arbeitseinsatz der rund 2.000 KZ-Häftlinge. An das KZ Wels II erinnert seit kurzem ein Gedenkstein beim Park vor dem ehemaligen Messebüro.

Dr. Hermann Volkmer widmet sich in seinem Text über die Bauprojekte zwischen 1938 und 1944 einem breiten Spektrum: Dieses reicht vom Zweckbau, wie der erwähnten Reichsnährstandshalle, über verschiedene nie verwirklichte Vorhaben bis zum Wohnbau. Dieser wurde entgegen der allgemeinen Entwicklung bis 1942 fortgeführt: Ganze Siedlungsblöcke der sogenannten „Hitlerbauten“ entstanden nicht nur im neuen Stadtteil Vogelweide, sondern auch in der Neustadt und im südlichen Lichtenegg.

Das Autoren-Team Sandra Pfistermüller, MA, Mag. Peter Eigelsberger und Franz Scharf gibt einen Einblick in Theorie und Praxis der Entnazifizierungsprozesse und ihren zeitabhängigen Ausgang. Ein weiteres Kapitel konnte leider nicht zeitgerecht fertiggestellt werden: „Die Welser Gruppe“ von Konsulent Günter Kalliauer erscheint als Ergänzung im Laufe des Jahres 2021.

Zitate
Bürgermeister Dr. Andreas Rabl:
„Wir lernen aus der Geschichte. Deshalb ist es so wichtig, politische, wirtschaftliche und auch unmenschliche Geschehnisse von damals aufzuarbeiten. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann Verantwortung übernehmen, Fehler vermeiden und Zukunft gestalten.“

Kulturstadtrat Johann Reindl-Schwaighofer, MBA: „Die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Geschichte der Stadt Wels ist ein wichtiger Beitrag, um falsch überlieferte Mythen über Personen, Ereignisse und Zustände in dieser unmenschlichen Zeit zurechtzurücken.“

 

Bild (c) Stadt Wels