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Mittwoch, den 16. Dezember 2020 07:00

Neuer zur Welser Geschichte


V.r. Bürgermeister Dr. Andreas Rabl, Hofrat Dr. Walter Aspernig, Dr. Renate Miglbauer und Kulturstadtrat Johann Reindl-Schwaighofer, MBA.

Musealverein durchleuchtet Schloss Polheim und digitalisiert das römische Wels

Trotz mancher COVID-19-bedingter Erschwernisse durch eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten in Archiven und Bibliotheken führte der Musealverein Wels seine wissenschaftliche Arbeit und deren Publikation uneingeschränkt fort. So erschienen im Oktober beziehungsweise im November das Urkundenbuch Wels II (1451 bis 1500) als 13. Band des Urkundenbuches des Landes ob der Enns sowie das 39. Jahrbuch des Musealvereines als Dreijahresband (2018 bis 2020).

Allgemeines zum Jahrbuch…
Das 39. Jahrbuch enthält auf 328 Seiten neben dem Berichtsteil einen umfangreichen wissenschaftlichen Teil. Darin bilden kunst- und baugeschichtliche sowie historische Aspekte des Schlosses Polheim einen – reich mit Bild- und Kartenmaterial ausgestatteten – Schwerpunkt. Darüber hinaus erstellten die Archäologinnen Museumsdirektorin Dr. Renate Miglbauer, Mag. Michaela Greisinger und MMag. Magdalena Waser aus Wels sowie Dipl.-Ing. Mag. Petra Mayrhofer aus Linz die Grundlagen für den digitalen Stadtplan des römischen Ovilava.

Dr. Hans Krawarik (Wien) und Vereinsobmann Dr. Walter Aspernig setzen mit „Locus Sippach und Locus Leombach“ beziehungsweise „Katzbach im Norden von Wels“ ihre siedlungsgeschichtlichen Arbeiten fort, und Mag. Michael Kitzmantel vom Welser Stadtarchiv stellt den 1. Mai 1890 in Wels vor. Als Redaktionsteam fungierten Dr. Walter Aspernig, Konsulent Günter Kalliauer und Dr. Roland Wamser, die Gestaltung und grafische Ausstattung des Bandes übernahm Mag. Erwin Krump. Das Jahrbuch wurde den Vereinsmitgliedern gratis zugestellt. Interessierte bekommen es im Stadtarchiv (Maria-Theresia-Straße 33) sowie beim Musealverein direkt (zuzüglich Postgebühren) um 25 Euro.

…und zum Urkundenbuch
Das Urkundenbuch Wels II beinhaltet auf 383 Seiten nach Einleitung, Editionsgrundsätzen, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie der Angabe von Wörterbüchern, Lexika und anderen Hilfsmittel 492 Urkunden und Regesten (Zusammenfassungen des rechtsrelevanten Inhaltes der Urkunde) der Jahre 1451 bis 1500 aus dem Stadtarchiv und dem Stadtpfarrarchiv. Der Preis beträgt – wie auch für den 2012 erschienenen und von 1400 bis 1450 reichenden Band Wels I – für Vereinsmitglieder 30 Euro und für Nicht-Mitglieder 50 Euro. Das Werk ist im Stadtarchiv (Maria-Theresia-Straße 33) sowie im Welser Buchhandel erhältlich.

Schloss Polheim im Lauf der Jahrhunderte
Die Wiener Kunsthistorikerin Dr. Margareta Vyoral-Tschapka hat sich im Jahrbuch mit der Bearbeitung und Darstellung des Schlosses Polheim einer besonders schwierigen Aufgabe gestellt: Sie untersuchte, beschrieb und rekonstruierte die Stadtburg der Polheimer – deren Entstehung mit der Stadtwerdung von Wels in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eng verknüpft ist – auf 90 Seiten unter Zuhilfenahme von Karten und Plänen und zahlreichen Abbildungen.

Der Kern der mittelalterlichen Stadtburg des 13. Jahrhunderts befand sich der Stadt gegenüber im Süden des von einer Mauer umschlossenen „befreiten“ Burgareals – daher auch der Name „Freiung“ für den Straßenzug. Durch den Kauf der beiden „auswärtigen“ Burganteile in den 1530er Jahren konnte mit dem Um- und Neubau im Renaissancestil begonnen werden (Saaltrakt und Treppenturm im Norden). Von der mittelalterlichen Burg sind heute die massive Nordwestecke (zugleich jene der mittelalterlichen Stadt) und die Burgkapelle des Heiligen Paulus erhalten. 1695 kaufte die Stadt Wels das Schloss. Durch wirtschaftsorientierte Nutzung trat anschließend eine „Verbürgerlichung“ des ehemaligen Hochadelssitzes ein.

Heute umfasst das Schloss Polheim die Hauseinheiten Freiung 12, 14, 16 und 18 sowie Pollheimerstraße 14 und 16. Das ist jedoch nur ein relativ kleiner Rest der früheren maximalen Ausdehnung: Der gesamte Gebäudekomplex war rund drei Mal so groß wie heute, alleine zwei Drittel des heutigen Parks Freiung waren mit dem geschlossenen Burgtrakt verbaut und die direkt an die Burgmauer angebauten Wirtschafts- und Nebentrakte reichten bis zum ehemaligen Areal eines Heimtextilien-Händlers zwischen der Plobergerstraße und der Freiung.

Die Autorin hält fest, dass auch heute noch „jeder einzelne Trakt durchaus ‚herrschaftlichen‘ Charakter und ein historisches Erscheinungsbild besitzt, und dies trotz der verändernden Eingriffe der letzten 40 Jahre (…).“ Erste Sanierungen fanden freilich bereits in den frühen 1950er Jahren statt, gefolgt von den späten 1970er- sowie den 2010er-Jahren. 2011 hatte die Stadt Wels den Teil Freiung 16 an eine Immobiliengesellschaft verkauft, die den Trakt daraufhin für hochwertige Wohnzwecke adaptierte. Zuvor war dort ein Jahrhundert lang die – bis 1980 städtische – Landesmusikschule untergebracht gewesen. Weiters wurden beziehungsweise werden die Trakte des Schlosses als Büro-, Appartement- und Geschäftshaus sowie auch gastronomisch genutzt.

Fazit: Anhand der erhaltenen Pläne und Abbildungen gelang es Dr. Vyoral-Tschapka, ein fundiertes Gesamtbild des komplexen und komplizierten Burgareals wiederherzustellen. Und das trotz des Verlustes eines bedeutenden Teiles der ehemaligen Bausubstanz, der vielen Um- und Einbauten, der Besitzaufsplitterung und des oftmaligen Besitzerwechsels oder der versäumten Erhaltung der einst in der Burgkapelle vorhandenen Fresken.

In einem eigenen Beitrag hat Dr. Judith Schöbel, ebenfalls Kunsthistorikerin in Wien, das romanische Portal der Schlosskapelle untersucht und rekonstruiert. Ergänzt wurden diese Studien durch die kommentierte Veröffentlichung eines leider untergegangenen heraldischen Kunstwerks durch Dr. Walter Aspernig: Eine gemalte Wappenwand am oder im Schloss Polheim vom Jahre 1522 mit den Namen und Wappenskizzen von elf Herren- und 136 Rittergeschlechtern.

Digitaler Ovilava-Plan
Einen lang gehegter Wunsch der archäologischen Forschung ist nun erfüllt: Wels hat nun als vierte österreichische Stadt nach Wien, Bregenz und Salzburg einen digitalen römischen Stadtplan! Am Beginn des Projekts stand eine gründliche Recherche mit dem Ziel einer Auflistung aller archäologischen Grabungen beziehungsweise Beobachtungen in Wels. Diese Liste von mehr als 500 römerzeitlichen Fundstellen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist im Jahrbuch enthalten.

Der mit dem Programm AutoCAD erstellte digitale Stadtplan erlaubt dem Nutzer, unterschiedliche Ansichten ein- und auszublenden. Er umfasst eine große Anzahl an römerzeitlichen baulichen Befunden und Fundstellen, die das wahre Ausmaß der römischen Handelsstadt Ovilava deutlich machen. Offene Fragen zur Struktur und Infrastruktur – wie zum Beispiel antike Straßenverläufe, Gräberfelder, Ausmaße von Gebäuden und Häuserfluchten – können damit beantwortet werden.

Der Überblick über alle Fundstellen soll auch eine Hilfe für anstehende Bauprojekte beziehungsweise zukünftige archäologische Grabungen sein. Alle folgenden Grabungsergebnisse der nächsten Jahre werden eingetragen, um so das Bild über die antike Vergangenheit von Wels zu vervollständigen. Eine Einbindung in den bestehenden digitalen Stadtplan der Stadt Wels unter https://wels.map2web.eu (auch auf der Startseite von www.wels.gv.at verlinkt) ist vorgesehen.

Details zum Urkundenbuch Wels II
Die wichtigste Grundlage für historische Darstellungen bilden urkundliche Quellen. Daher sah das 1833 gegründete Museum Francisco-Carolinum in Linz die Publikation chronologisch geordneter Urkundenbände für Österreich ob der Enns als eine seiner Hauptaufgaben. Bis 1956 erschienen elf Bände für den Zeitraum bis 1399. Seit 2004 gibt es eine Weiterführung in geänderter Form: Da die Zahl der Urkunden im 15. Jahrhundert stark ansteigt und Quellen in vielen in- und ausländischen Archiven vorhanden sind, wurde die Bearbeitung auf einzelne Archivkörper oder Archive einer Stadt oder Region bezogen.

Den „Musterband“ nach den neuen Editionsgrundsätzen verfasste Dr. Walter Aspernig: Das erste Urkundenbuch der neuen Reihe – Band Wels I (1400-1450) – erschien 2012 als zwölfter Band der Gesamtreihe. Diese fand heuer mit dem Band Wels II (1451-1500) seine Fortsetzung: Band 13 der Gesamtreihe enthält 492 urkundliche Nachrichten – meist zur Geschichte von Wels, aber auch solche zur allgemeinen Landesgeschichte – im Volltext oder als Regesten mit einer Zusammenfassung des relevanten Inhalts.

Band Wels III ist bereits in Arbeit: Es soll neben Nachträgen auch ein Gesamtregister (das als Namensregister auch die Orts- und Flurnamen identifiziert, wo das möglich ist) und ein Wortregister samt Erläuterung von Sachen und Rechtsbegriffen enthalten. Als Berater und Lektor begleitet übrigens Prof. Dr. Herwig Weigl (Universität Wien, Institut für Österreichische Geschichtsforschung) die Erstellung der neuen Bände des Urkundenbuches. Als Oberösterreicher und Spezialist für mittelalterliche Quellen ist er dafür prädestiniert!

Zum Verein
Der Musealverein Wels widmet sich

  • der Erforschung der Geschichte, Kultur und Naturkunde von Wels und der Umgebung,
  • der Herausgabe von periodisch erscheinenden Publikationen,
  • der Mitarbeit im Rahmen der Stadtbildpflege und des Denkmalschutzes,
  • der Förderung der Welser Museen und Archive,
  • der Pflege der Kontakte und dem Austausch der Publikationen mit anderen wissenschaftlichen Vereinen und Institutionen im In- und im Ausland.

Der Musealverein Wels bietet seinen Mitgliedern folgende Leistungen:

  • Kostenlosen Bezug des Jahrbuches (Beiträge zur Geschichte, Archäologie, Kulturgeschichte und Naturkunde von Wels und seiner Umgebung),
  • begünstigte Teilnahme an Führungen und Vorträgen,
  • ermäßigten Bezug der Sonderpublikationen des Musealvereins,
  • Informationen über Aktivitäten im Bereich der Stadtgeschichte, Archäologie und Denkmalpflege sowie
  • Beratungen und Hilfestellungen bei eigenen Nachforschungen.

Weitere Informationen gibt es unter www.musealverein-wels.at im Internet.

Zitate
Bürgermeister Dr. Andreas Rabl: „Das Schloss Polheim ist für Wels von unschätzbarem historischen Wert. Das 39. Jahrbuch zeigt deutlich, wie eng dieses Gebäude mit unserer Stadt verbunden ist. Besonders freut es mich, dass auch wir endlich einen digitalen römischen Stadtplan haben, der das wahre Ausmaß der römischen Handelsstadt Ovilava deutlich macht. Ich gratuliere allen Beteiligten, die an diesem Band mitgewirkt haben.“

Kulturstadtrat Johann Reindl-Schwaighofer, MBA: „Die regelmäßigen Publikationen des Musealvereins Wels sind eine gute Grundlage, um den Wert des kulturellen Erbes unserer Stadt sichtbar zu machen und so mehr Bewusstsein für dessen Erhalt zu schaffen.“

Obmann Hofrat Dr. Walter Aspernig: „Wenn auch der Name ‚Musealverein Wels‘ etwas angestaubt und ‚historisch‘ klingt, so sind wir mit unseren Publikationen doch auf Augenhöhe mit der universitären Wissenschaft!“

 

Bild (c) Stadt Wels