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Dienstag, den 16. März 2021 07:00

Medienkünstler*innen unter Druck


Goldene Nicas

Ars Electronica fordert und forciert mehr Unterstützung für Künstler*innen

Am 15. März endete die Einreichungsfrist zum Prix Ars Electronica 2021. Vor 34 Jahren in Linz initiiert, gilt er der weltweiten Medienkunstszene als traditionsreichster und wichtigster Wettbewerb überhaupt. Große Aufmerksamkeit wird dem Prix Ars Electronica nicht zuletzt deshalb zuteil, weil er dank seiner Reichweite als eine Art Trendbarometer fungiert – ganz egal was Medienkünstler*innen in aller Welt unter den Nägeln brennt, anhand der alljährlich tausenden Einreichungen zum Prix Ars Electronica wird es sichtbar. „Der Trend, den wir zurzeit feststellen, ist besorgniserregend“, zieht Gerfried Stocker eine erste Zwischenbilanz der diesjährigen Ausschreibung. „Ein stark sichtbarer Rückgang der Einreichungen und viele persönliche E-Mails zeigen, dass Künstler*innen überall in der Welt massiv unter Druck sind und einfach nicht die Möglichkeit haben, ihre Projekte umzusetzen bzw. fertig zu stellen.“ Über Monate geschlossene Museen, abgesagte Festivals, unter- oder abgebrochene Residencies sowie unzureichende oder überhaupt fehlende Hilfeleistungen seitens der Politik ziehen immer weitere Kreise. „Dramatisch ist dies nicht nur für die Künstler*innen selbst, sondern für uns alle“, sagt Gerfried Stocker. „Es geht hier ja nicht um die Behübschung von Foyers oder um Blockbuster-Ausstellungen für den urbanen Massentourismus – was uns in Wahrheit droht, ist das dauerhafte Wegbrechen der Reflexion unserer gesellschaftlichen Entwicklung.“ In einer Zeit massiver Umbrüche wiegt das besonders schwer. „In unser aller Interesse müssen wir jetzt ganz schnell dafür sorgen, dass das kritische und innovative Potential der Kunst erhalten bleibt“, fordert Gerfried Stocker. „Künstler*innen heute zu helfen heißt, dass wir als Gesellschaft morgen weiterkommen. Wenn wir das nicht begreifen, werden wir das sehr bald und sehr lange bereuen.“

Neben Politik auch Kunst- und Kultureinrichtungen selbst gefordert
Dass die Politik sehr schnell sehr viel mehr für die Kunst tun muss, steht außer Zweifel. Gefordert sind aber auch die Kunst- und Kultureinrichtungen selbst – und hier vor allem die etablierten. „Wir müssen uns klarwerden, welche gesellschaftliche Rolle unsere Einrichtungen in Zukunft spielen sollen“, so Gerfried Stocker. „Statt auf Besuchszahlen und Erlöse zu schielen, müssen wir wieder mehr riskieren und vorangehen, wie das nicht nur von der Kunst selbst, sondern auch von uns als ihrer Plattform zu erwarten, ja einzufordern ist.“ Nicht die großen Namen, sondern die großen Fragen müssen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. „Die Kunst entfaltet ihr einzigartiges Potential dann, wenn sie jene Fragen behandelt, die uns alle hier und jetzt beschäftigen“, ist Gerfried Stocker überzeugt.

Innovative Plattformen und Formate, …
Statt althergebrachter Präsentationen braucht es neue Strategien der Kommunikation und Interaktion mit der breiten Öffentlichkeit. „Als international führende Plattform für Medienkunst, ist Ars Electronica hier ganz besonders gefordert“, hält Gerfried Stocker fest. „Seit dem vergangenen Jahr arbeiten wir mit Hochdruck daran, diesem Anspruch gerecht zu werden.“ Deswegen – und nicht für die Unternehmenschroniken, geschweige denn für den eigenen wirtschaftlichen Erfolg – wurde auch 2020 ein Ars Electronica Festival durchgeführt. „Indem wir aus dem riesen Festival in Linz einen hybriden Event an 120 Locations rund um den Globus gemacht haben, erhielten hunderte Künstler*innen trotz Coronakrise Aufträge und damit die Möglichkeit, ihre Projekte voranzutreiben und zu präsentieren.“

Mit „Ars Electronica Home Delivery“ wurde darüber hinaus ein virtuelles und interaktives Format entwickelt, das die künstlerisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Zukunft auch im Lockdown für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich macht – und es dem Ars Electronica Center in Zukunft erlauben wird, weit über den herkömmlichen geografischen und sozialen Radius eines Museums hinaus Menschen zu erreichen. „Home Delivery eröffnet nicht zuletzt hiesigen Künstler*innen sowie Wissenschaftler*innen die Möglichkeit, ihre Perspektiven und Projekte zu vermitteln und das ganze Jahr über mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ob Gehirnforschung, Space Exploration, Gentechnik, KI oder Medienkunst und Konzerte – die Mediathek von ‚Home Delivery‘ ist mittlerweile ebenso vielfältig wie umfassend und jede Woche kommen neue Angebote dazu.“

… mehr Wettbewerbe und höhere Preisgelder
Wichtig wie noch nie sind zudem Wettbewerbe für Künstler*innen. „Open Calls versprechen einerseits Preisgelder und eröffnen andererseits Zugang zu den so raren Bühnen“, sagt Gerfried Stocker. „Wir haben uns deshalb kurzfristig entschlossen, den Prix Ars Electronica noch höher zu dotieren und zusätzlich zu den 10.000 Euro, die an die Gewinner*innen der Goldenen Nicas gehen, weitere 3.000 Euro für insgesamt sechs „Awards of Distinction“ auszubezahlen.“ Dazu kommen heuer zwei neue Wettbewerbe, die ebenfalls Preisgelder versprechen. „Erstmals schreiben wir den mit 5.000 Euro dotierten ‚Isao Tomita Special Prize‘ aus und haben gemeinsam mit dem Österreichischen Außenministerium den mit 10.000 Euro dotierten ‚Award for Digital Humanity‘ initiiert.“ Klappt es mit dem Hauptgewinn nicht, wahren die Teilnehmer*innen ihre Chance, ihr Projekt beim diesjährigen – wieder hybriden – Ars Electronica Festival im September präsentieren zu können. „Wir werden alles daran setzen, möglichst viele Künstler*innen mit der Präsentation ihrer Arbeiten zu beauftragen,“ kündigt Gerfried Stocker an. „Ich hoffe deshalb, dass so viele Künstler*innen wie möglich es noch schaffen, bei diesen Wettbewerben mitzumachen.“

 

Bild (c) vog.photo

 


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