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Freitag, den 27. August 2021 07:00

Unterschiedliche Ansichten


WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer

WKOÖ: Nebenjobs von Arbeitslosen sind unfair und zementieren die Arbeitslosigkeit | AK: Geringfügiger Zuverdienst ist oft lebensnotwendig

WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer begrüßt Vorstoß von AMS-Chef Kopf
Es ist seit Langem ein Ärgernis und führt beinahe täglich zu massiven Beschwerden von WKOÖ-Mitgliedsbetrieben, die händeringend Arbeitskräfte suchen: Beschäftigungslose, die Arbeitslosengeld beziehen und darüber hinaus noch geringfügig arbeiten, erzielen häufig ein Einkommen, das die Aufnahme eines regulären Jobs schlicht nicht mehr lukrativ macht. Wird noch zusätzlich gepfuscht, lohnt sich Arbeit in der freien Wirtschaft noch weniger.

Ein unhaltbarer - aber gesetzlich leider gedeckter - Zustand, den die WKO Oberösterreich in der Vergangenheit immer wieder aufgezeigt hat. Verhindert er doch mögliche Beschäftigung bzw. verlängert er Arbeitslosigkeit unnötig, was in Zeiten des akuten Arbeits- und Fachkräftemangels ein absolutes No-Go ist.

WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer: „Ich unterstütze deshalb den Vorstoß von AMS-Chef Kopf, die-se legalen Nebenjobs für Arbeitslose abzuschaffen oder zumindest massiv zu begrenzen. Schließlich muss es im Interesse aller Beteiligten gelegen sein – und da denke ich nicht nur an unsere Unternehmen, sondern vor allem an jene tüchtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jeden Tag schon zeitig in der Früh aufstehen -, unsoziale Beschäftigungshindernisse dieser Art zu eliminieren. Das lindert den Arbeits- und Fachkräftemangel und sorgt dafür, dass Arbeitslosigkeit so kurz wie möglich dauert!“.

AK-Präsident Kalliauer klar für den Erhalt der Zuverdienstmöglichkeit
AMS Chef Kopf ist dafür, dass arbeitslose Menschen nicht mehr zum AMS-Bezug dazu verdienen dürfen. Das würde jedoch die Lage der arbeitslosen Menschen in Österreich stark verschlechtern, denn das Arbeitslosengeld allein ist viel zu gering und es gibt in Summe viel zu wenige Jobs. Vor allem Ältere, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder schwierigeren Lebenssituationen haben derzeit kaum Perspektiven. Diesen Menschen das Leben noch schwerer machen zu wollen, grenzt an Verhöhnung.

Durchschnittlich erhalten arbeitslose Menschen in Oberösterreich vom AMS rund 1.000 Euro netto, zwölfmal pro Jahr. Frauen bekommen mit 880 Euro sogar noch deutlich weniger
Arbeitslosengeld. Wer Notstandshilfe bezieht, erhält lediglich 890 Euro netto monatlich - Frauen erhalten wiederum nur 800 Euro. Arbeitslose Menschen können dazu bis zu 475,86 Euro im Monat in Form einer geringfügigen Arbeit dazu verdienen.

Dies ist für arbeitslose Menschen oft die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen, da ihr Arbeitslosengeld-Bezug viel zu gering ist. Über 50 % der ganzjährigen Arbeitslosen sind armutsgefährdet. Darüber hinaus betrifft dies auch viele Frauen, die aufgrund von mangelnder Kinderbetreuung oder regionaler Mobilität nur wenig passende Jobangebote finden – aber trotzdem laufende Kosten bewältigen müssen. Die Anzahl der Personen, die zum Arbeitslosengeld oder zur Notstandshilfe dazuverdienen, ist nicht hoch und hat in den letzten Jahren sogar deutlich abgenommen. Zuletzt waren es etwa 11% - diese Gruppe braucht das zusätzliche Geld aber umso nötiger.

AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer sieht vor allem die künftigen Chancen am Arbeitsmarkt stark bedroht: „Schafft man diesen Zuverdienst ab, so nimmt man Menschen, die keine vollversicherungspflichtige Arbeit erhalten, jegliche Chance ihr Einkommen zu verbessern. Die geringfügige Beschäftigung ist immerhin ein Anker in der Arbeitswelt. Die Nebenjobs schaffen Netzwerke, die die generellen Arbeitsmarktchancen erhöhen.“ Weiters kann eine geringfügige Beschäftigung durch Zeitstruktur, soziale Kontakte und Wertschätzung auch den psycho-sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit entgegenwirken.

„Manchmal ist es eine Chance, zumindest zeitweise vollversichert arbeiten zu können. Das gilt auch für ältere Arbeitslose, die nur selten noch passende Arbeitsangebote bekommen, so aber noch ihren Beitrag leisten können“, ergänzt Kalliauer. Durch die Zuverdienstmöglichkeit wird auch die Sozialhilfe in Österreich entlastet, weil die Einkommen in Summe höher sind und damit auch weniger finanzielle Hilfe notwendig ist.

Anstatt Zuverdienst zu streichen: AK fordert Verbesserungen für Arbeitslose
Die AK OÖ fordert eine generelle Leistungsverbesserung für Arbeitslose, also eine Erhöhung der Nettoersatzrate beim Arbeitslosengeld auf mindestens 70 %, den Erhalt der Notstandshilfe und der bestehenden Zuverdienstmöglichkeiten und lehnt alle weiteren bereits von Bundesminister Kocher und AMS-Chef Kopf geplanten Verschärfungen für Arbeitslose vor allem im Bereich der Mobilität bzw. der überregionalen Vermittlung ab. „Stattdessen brauchen Arbeitslose Unterstützung durch Jobförderung, Qualifizierung und einer stabilen sozialen Sicherung“, stellt AK-Präsident Kalliauer klar.

 

Bild (c) WKOÖ